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SPIEL + FILM = SPIELFILM

Theater trifft auf Film, ein Projekt in vier Stationen
 

Im Januar 2009 bricht eine kleine Gruppe theaterbegeisterter Schüler verschiedener Klassen am Ottheinrich-Gymnasium Wiesloch bei Heidelberg in das malerische Schwarzwalddorf Ortenberg auf. Im selben Moment macht sich auch eine Gruppe von Schülern im südfranzösischen Roanne auf den Weg nach Ortenberg. Ziel der Reise: Eine Woche spielen Franzosen und Deutsche Theater. Der Name dieser Unternehmung: Drittortbegegnung. Schüler zweier Kulturen arbeiten eng miteinander – und zwar an einem Ort, an dem beide Gruppen nicht zuhause sind.
Pia Kessler (Fächer: Französisch, Spanisch, Deutsch) und Gregor Delvaux de Fenffe (Fächer: Französisch, Geschichte, Geschichte bilingual) begleiteten dieses Projekt theaterpädagogisch und medienpädagogisch. Ziel war es, in Kooperation mit innovativen methodischen Instrumenten Schülern verschiedener Altersgruppen, Nationen und Sprachen die Möglichkeit zu geben, Theater mit Film zu verbinden und auf der Bühne, vor und hinter der Kamera medial zu arbeiten.

Die Schülerinnen und Schüler realisieren das Bühnenstück von Jean Tardieu: Les Amants du Métro – die Liebenden der Untergrundbahn.
Mit viel Erfolg wurde es in deutscher und französischer Sprache erst am OHG, kurz darauf in Südfrankreich bei Lyon aufgeführt.
Die Kamera – ständiger Begleiter bei der Drittortbegegnung – hielt die harte Arbeit und die Begeisterung dieser Schülerbegegnung dokumentarisch fest.

Im Mai 2009 nimmt die Wieslocher Gruppe die Arbeit am Stück erneut auf und verlegt sie diesmal an den eigentlichen Ort des Geschehens: In die S-Bahn.

Schüler der AG Film begleiten die Theatergruppe und realisieren eine filmische Produktion. Gespielt und gefilmt wird rund um Heidelberg.

1. SPIEL

14 Deutsche (Schüler des Ottheinrichgymnasium, Wiesloch) der Klassen 9 – 13 treffen auf 14 französische Schüler (Atelier Théâtre du lycée Albert Thomas, Roanne) und produzieren und inszenieren unter der Leitung der Theaterpädagogin Pia Keßler und der eigens engagierten Schauspielerin Nathalie Cellier in einer so genannten DRITTORTBEGEGNUNG in der Jugendherberge Ortenberg im Schwarzwald ein ebenso anspruchsvolles wie hinreißendes Theaterstück auf deutsch und französisch. Das Stück (Jean Tardieu: Les Amants du métro / Die Liebenden der Untergundbahn) spielt in einer Métro. Der Medienpädagoge Gregor Delvaux de Fenffe begleitet die Schülerinnen und Schüler bei ihrer Arbeit, gewöhnt die Aufführenden an die Präsenz der Kamera und dokumentiert filmisch das Geschehen. Das Stück wird anschließend am 31. Januar 2009 in der neuen Theateraula des Ottheinrich-Gymnasiums Wiesloch (bei Heidelberg) und am 2. Februar 2009 im „Théâtre municipal“ des südfranzösischen Roanne (bei Lyon) mit großem Erfolg und durch die Lokalpresse begleitet vor begeistertem deutschsprachigem und französischsprachigem Publikum aufgeführt.  Die Partnerschulen und das Regierungspräsidium Karlsruhe berichten über die Begegnung auf ihren Internetseiten (s.u.).

Drittortbegegnung

Unsere Drittortbegegnung (rencontre en tiers-lieu) wurde bezuschusst durch die französische Partnerregion Région Rhône-Alpes (soutien de la région Rhône-Alpes), das Deutsch-Franzäsische Jugendwerk DFJW (l'Office Franco-Allemand pour la Jeunesse OFAJ), und kommunale Fördergelder aus Roanne, Frankreich (la municipalité de Roanne, France).
Was versteht man unter einer „Drittortbegegnung“? Die Drittortbegegnung ist eine neue Form des Schüleraustausches, bei der sich die Schüler/innen weder am Wohnort der einen, noch an dem der anderen Seite aufhalten, sondern an einem frei gewählten, möglichst attraktiven, praktischen und nicht zu „kostspieligem“ Ort, um dort ständig als Gruppe zusammen zu sein und gemeinsam ein Projekt zu erarbeiten. Krönender Abschluss der intensiven gemeinsamen Projektarbeit ist das Produkt, die Realisation / Präsentation, hier die Aufführung des zweisprachigen Theaterstücks in beiden Ländern Deutschland und Frankreich. Die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler lernen nicht nur gemeinsam konzeptionell zu denken und zu arbeiten, sie lernen sich nach dem gemeinsamen Workshop jeweils in ihrem privaten Umfeld, respektive in ihren Gastfamilien kennen und schließen bisweilen Freundschaft.
Wie intensiv eine solche internationale Begegnung ist und wie schnell sie Früchte trägt, d.h. ihren übergeordneten Zweck, gegenseitiges Kennen- und Schätzen-Lernen erreicht, wenn das Medium Theaterspiel und das Ziel die Produktion einer Aufführung ist, ließ sich anhand der Drittortbegegnung Wiesloch und Roanne eindrucksvoll belegen. Die beiden Schülergruppen trafen sich zunächst in der Jugendherberge in Ortenberg im Schwarzwald. Waren anfangs Unsicherheit und eine gewisse Scheu zwischen der deutschen und der französischen Schülergruppe vorherrschend, begannen die Jugendlichen bald durch eine intensive und hochkreative, methodisch differenzierte theaterpädagogische Arbeit einander zu vertrauen und zusammenzuwachsen und sich rege beider Sprachen zu bedienen. Aber auch knapp bemessene Freizeit wurde intensiv genutzt, einander besser kennenzulernen. Freude an der Projektarbeit und ein starkes Gemeinschaftsgefühl prägten das Geschehen auf Schloß Ortenberg und führten gar zur ’Komposition’ eines gemeinsames Liedes „Le Métro“ – das zur Melodie von Umberto Tozzis „Ti amo“ bald zur Hymne der gemeinsamen Tage wurde.

 

 

 

Schüler auf der Bühne

Das Stück «Les Amants du Métro» von Jean Tardieu, wurde gemeinsam von der betreuenden Lehrerin Pia Keßler und der Schauspielerin Nathalie Cellier inszeniert und mit den Schülerinnen und Schülern im ständigen Dialog während der gemeinsamen Tage in der Jugendherberge adaptiert. Für die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler bedeutete dies ein intensives Studium des Rollentextes, die intensive inhaltliche, szenische und sprachliche Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle und gemeinsames Proben vom frühen Morgen bis in die späten Abendstunden. Für die betreuenden Pädagogen, aber auch für die Jugendlichen selbst war es immer wieder eine mit Erstaunen verbundene (Selbst)Erfahrung von Produktivität, Kreativität, Arbeitswillen und – fähigkeit, von Leistungsbereitschaft und Idealismus, die bald zu außergewöhnlicher Bühnenreife des Stückes führte. Nach den intensiven Workshoptagen im Schwarzwald, begaben sich die inzwischen gut durchmischten Schülergruppen in die deutschen Gastfamilien in Wiesloch, wo sie tags darauf in der neuen Aula des Ottheinrich-Gymnasiums mit ihrem Stück Premiere feierten. Einige Tage später brachen beide Schülergruppen auf nach Roanne, um dort – untergebracht in den französischen Gastfamilien - das gleiche Stück ein weiteres Mal aufzuführen. Nach den beiden Theatervorstellungen wurden die Schüler/innen mit einem gemeinsamen Tagesausflug nach Lyon belohnt.

Les Amants du Métro - genuines Stück französischer Bühnenkultur

Mit großem Engagement, spielerischer Hingabe an ihre Rollen und die eng damit verknüpften, fast allegorischen Topoi der jeweiligen Figuren, bringen deutsche und französische Schüler den französischen Dramatiker Jean Tardieu mit seinem dem absurden Theaterverständnis entstammenden Stück „Les Amants du Métro“ (Die Liebenden der Untergrundbahn) auf die Bühne. Tardieu, der 1903 geborene Sprachakrobat und experimentelle Schriftsteller, der als der beste französische Übersetzer der Gedichte Hölderlins gilt, hat in seinen dramatischen Experimenten noch vor Beckett, Adamov, Genet und Ionesco Grenzen überschritten. Grenzen des absurden Theaters, des völlig abstrakten Theaters, in dem die Sprache Gestalt und begrifflichen Gehalt verliert und sich schließlich in ihre melodiösen und rhythmischen Bestandteile auflöst. Jean Tardieu nimmt in vielerlei Hinsicht Ionesco vorweg, schafft aus zusammenhanglosen Sprachfetzen das dramatische Äquivalent zu einem symphonischen Gedicht und führt in „Les Amants du métro“ diese Entwicklung logisch weiter. Dieser Einakter hat den Untertitel „Ballettkomödie ohne Tanz und ohne Musik“, die Sprache und die ihr innewohnende Bewegung soll Musik und Tanz ersetzen.
Die erste Szene spielt in einer Metrostation – Haupthandlungsstrang ist die Begegnung der beiden namenlosen Liebenden. Sie findet statt inmitten eines anonymisierten Pulks von wartenden Fahrgästen, deren sonores, banales und doch beständiges Alltagsgerede in thematischem Zusammenhang mit dieser Begegnung steht.
Die zweite Szene spielt in einem Metrowagen; die Liebenden werden durch das Gedränge der anderen Fahrgäste getrennt. Der Protagonist muss sich durch das Meer seiner marionettenhaft erstarrten Mitmenschen bewegen, die Anonymität und Feindseligkeit verkörpern. Als er endlich alle Hindernisse überwunden und seine Geliebte erreicht hat, ist auch sie zu einem unkenntlichen, anonymisierten Wesen mutiert, das sich in der Masse zu verlieren droht. Erst als sein Pfiff ertönt, wacht sie auf, für sich selbst, den Liebenden und den Zuschauer wieder als Individuum erfahrbar.
Das Stück zeigt die Vielfalt der strukturellen, rhythmischen, prosodischen Bestandteile von Sprache auf. Dabei geht es geht weniger um einen Austausch von Gedanken und Mitteilungen zwischen den Personen, sondern um die Entfaltung poetischer Bilder und Themen in einer – so Martin Ensslin - „neuen Logik der Assoziation“.

Links:

Ottheinrich-Gymnasium Wiesloch: Drittortbegegnung

Lycée Albert Thomas, Roanne: Rencontre en tiers-lieu

RP Karlsruhe: Drittortbegegnung

 

2. (DOKUMENTAR)FILM

Die Kamera war vom ersten Tag an ständiger Begleiter. Gregor Delvaux de Fenffe dokumentierte die unterschiedlichen Phasen des Workshops, begleitete die Jugendlichen bei ihren ersten theaterpraktischen Gehversuchen, ihren Rollenfindungen, den langen Proben und beim Einstudieren der Choreographien. War das Medium Kamera und Film in der Hand des Pädagogen für die Kinder anfangs noch ein irritierendes, gewöhnungsbedürftiges Instrument, wurde das Agieren vor der Linse bald bereitwillig akzeptiert. Schüler vergaßen die Kamera, spielten mit ihr, interessierten sich für sie. Sie nahmen das Gerät schließlich selbst in die hand, filmten und dokumentierten sich gegenseitig. Dabei kam die Kamera mit dem Fortschreiten der Arbeiten nicht nur deskriptiv zum Einsatz. Immer wieder wurden die Schüler in Momenten der Ruhe und in Pausen vor die Kamera geholt und zu ihrem Selbstverständnis, zum Projekt und seiner Aufführung befragt. Die Schülerinnen und Schüler waren so gleichsam genötigt, die eigene Projektarbeit zu analysieren, mit eigenen Worten zu beschreiben und zu reflektieren. Aus den vielen Stunden Rohmaterial wurde hinterher eine filmische Dokumentation realisiert, den die Schülerinnen und Schüler selber erzählen, das Cross-Media-Projekt der Schule auf der Bühne und vor der Kamera als ihre eigene Geschichte, als ein Stück Lebenserfahrung in Worte fassen.

Wiesloch, 7. Mai 2009. Die filmische Dokumentation von Gregor Delvaux de Fenffe «Jean Tardieu - Les Amants du métro – Theater überwindet Grenzen» über die Drittort-Begegnung in Ortenberg, Wiesloch und Roanne wird, begleitet von der Lokalpresse, im Luxor-Filmtheater Wiesloch aufgeführt. Herausgekommen ist eine atmosphärische Dokumentation, die über ein reines Making-of weit hinaus geht, in der die Schüler und Pädagogen mit Verve über Gestaltung und Umsetzung des Projektes und ihre Leidenschaft für das Theaterspielen erzählen. Die Dokumentation ist für Eltern, Schüler und Presse ein eindrucksvoller Beleg dafür, wie viel kreative und engagierte Arbeit heute von Schülern und Lehrkräften an den Schulen geleistet wird.

Link:

Die RNZ berichtet, 12. Mai 2009

 

 

3. SPIELFILM

6. – 8. April 2009: Projekttage am Ottheinrich-Gymnasium Wiesloch. Das Cross-Media-Kulturprojekt SPIEL+FILM= SPIELFILM geht in die nächste Phase. Die 14 deutschen Schüler der Drittortbegegnung und 6 Schüler der AG FILM arbeiten zusammen unter der Regie von Gregor Delvaux de Fenffe und Pia Keßler. «Jean Tardieu - Les Amants du Métro» wird nun an den ’realen’ Ort des Geschehens verlagert: Bahnhof und Bahn in Heidelberg und Umgebung. Während die Schüler der Drittortbegegnung das Stück vor der Kamera neu inszenieren und spielen, realisieren die Schüler der AG Film die filmische Umsetzung an Filmklappe, Kamera und Schnittpult. Die Postproduktion wird Ende Juli 2009 zum Abschluss gebracht. Die Schüler der AG Film schneiden den Film, den sie während der Projekttage gedreht haben und führen ihn kurz vor den Sommerferien im Juli 2009 Ottheinrich-Gymnasium Wiesloch auf.