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Big Brother wants You!
Eine nachdenkliche Polemik über das Social-Web
SIE nennen es WEB 2.0, Social-Web, Social
Networking. Sie tauschen („sharen“) Bilder auf „Flickr“, Videos auf „Youtube“,
Wissen auf „Wikipedia“, Postings auf privaten „Blogs“ und
Kurznachrichten via „Twitter“. Sie, das sind die Internetnutzer, die
sich online vernetzen, kommunizieren, partizipieren wollen, das Internet
als gigantische Verdrahtungs- und multiple Kommunikationsmaschine
erkennen und erobern.
Darf man – soll man als Lehrer im Social-Web unterwegs sein? Fragte ich
mich jüngst ernsthaft und ließ mich schließlich auf das Experiment „narzistisch
gefärbte Welt der Blogosphäre“ ein…
Wie Pilze schossen sie vor wenigen Jahren aus dem Boden, die großen
Netzwerkportale, längst zu Giganten mutiert: „Myspace“, „XING“,
„Lokalisten“, „wer-kennt-wen“, „StudiVZ“ und sein Pendant „SchülerVZ“
ringen um ein Millionenpublikum. Der Run auf die
Kommunikationsplattformen ist ungebrochen. Weltweit die Nummer 1: das
von einem Studienabbrecher aus Harvard gegründete Buch der Gesichter:
FACEBOOK.
Der Name ist Programm, das Prinzip einfach und wie bei allen
Community-Portalen denselben Gesetzen folgend: Ich melde mich an, kann
ein Konto oder Profil von mir anlegen, das ich mit persönlichen
Kerndaten füttere (Name, beruflicher Werdegang, Hobbys, mitunter
Religionszugehörigkeit, Beziehungsstatus, etc.) Mit ein wenig Geduld
kann ich halbwegs präzise einstellen, wem ich wie viel von mir
preisgeben möchte. Das Spiel beginnt, zunächst harmlos, gestaltet sich
wie eine Seite in einem Poesiealbum oder einer Abizeitung. Ich fange an,
über die Suchfunktion nach Freunden, Verwandten und Bekannten zu fahnden
– und staune. Im Nu habe ich eine Handvoll alter, Bekannter (auch sie
also FACEBOOKgesichter) ausgemacht, angeklickt,
ihnen meine FACEBOOK-„Freundschaft“ angeboten.
Willigen sie ein, bekomme ich – einen vom jeweiligen Nutzer geregelten –
Zugriff auf seine mitunter sehr persönlichen Infos, Bilder, Notizen zur
Person. Über Pinnwände, Foto- und Videoalben besteht nun die Möglichkeit
zum bilateralen Austausch- mit dem pikanten Detail, dass sämtliche
FACEBOOK-Freunde der Kommunizierenden
sämtlichen Informationsfluss einsehen können. Außerdem bin ich nun
darüber hinaus berechtigt, wiederum die Freundeslisten von Freunden nach
bekannten Gesichtern zu durchstöbern – und werde schnell fündig…
Gesichter, so genannte „Freunde“ sind also die harte Währung des
Social-Networkings. Freunde anzuhäufen ("People Whores") das eigentliche
Ziel der meisten Social-Network-Plattformen. Die auch von außen
einsehbare Zahl der vernetzten Freunde offenbart jedem Außenstehenden
den eigenen Rang auf der Beliebtheitsskala.
Während ich langsam in die unendlichen Weiten der
FACEBOOK-Community eindringe, beginne ich zu begreifen, wie es zu
diesem exorbitanten Deal jenes Startup-Gründers Mark Zuckerberg kam, der
vor zwei Jahren mit nur 23 Jahren lächerliche 1,6 Prozent seines
Unternehmens FACEBOOK für 240 Millionen Dollar
an Microsoft verkaufte.
Der ideale FACEBOOK-Nutzer ist Mitte 20 bis
Mitte 30, hat keine Kinder (also zuviel Zeit), diverse Hochschulen
besucht, sich an internationalen Austauschprogrammen beteiligt und
mindestens einmal schon seinen Arbeitgeber gewechselt. Vor allem aber:
er hat den Beginn des Informationszeitalters miterlebt und nutzt fleißig
die neuen Kommunikationskanäle. Wer zu dieser Zielgruppe gehört, mit dem
spielt FACEBOOK Hase und Igel; egal wen man wo
sucht, Deine „FACEBOOK-Freunde“ sind immer
schon vor Dir da. Es ist ein beeindruckendes Wiedersehen mit längst
verloren und vergeessen geglaubten Mitmenschen. Studiengruppen,
Arbeitgebergruppen, Jahrgangsstufengruppen – überall stößt man auf
kleine Netzwerke, zu denen man selbst gehört und sich gleich mit
kolossalem Dazugehörigkeitsgefühl einklinkt!
Sie glauben mir nicht? Probieren Sie`s aus. Legen Sie ein eigenes Konto
an und geben Sie mal Ihre Stadt, Ihre Region, Ihre ehemalige Schule in
die Sucheingabemaske ein. SIE – Ihre Mit-Facebooker - sind längst
da. Haben längst ihr Konto bei Facebook. Ihre Zahl ist Legion. Und
täglich werden es mehr.
Das Spiel ist so perfide wie faszinierend. Menschen finden und
wiederfinden. Bei FACEBOOK funktioniert es
wirklich. Und mittlerweile beginnt das System sogar
generationsübergreifend zu arbeiten. Schüler aller abendländischer
Nationen vereinigen sich, lieben die Tummelplätze digitalen Get2gethers
- in Ausmaßen, die uns in puncto Vernetzung und Veröffentlichung selbst
privatester Details einen Vorgeschmack auf den mutierenden Big Brother
kommender Zeiten geben. Bei FACEBOOK wird
TOTALE (totalitäre?) Vernetzung tatsächlich vollzogen. Jede
Diktatur wäre happy über ein so offen einsichtiges Buch, das so präzise
und nachhaltig darüber Aufschluss gibt, wer wen wann wie und aus welchen
Interessen heraus kontaktiert, getroffen hat und frequentiert.
Nachrichtendienst? Staatssicherheit? Obsolete Konstrukte aus analogen
Zeitaltern.
DAS LEBEN DER ANDEREN bekommt in der Informationsgesellschaft
eine ganz eigene Bedeutung. DAS LEBEN DER ANDEREN –
FACEBOOK hütet und verteilt es und teilt uns
alles darüber mit, nahezu jedem, der davon wissen will. Hier ist es als
„Image“ abgelegt, fotografiert, kommentiert, und von allen Seiten
einsehbar. Hier in der Facebook-Gemeinde, die so explosionsartig
wuchert. Wir, die so aktiv an der digitalen Vernetzung teilnehmenden
Bürgerinnen und Bürger, wir rücken längst alles ohne Not und mit viel
Vergnügen über uns freiwillig heraus: Narziß hat die In- und Peergroups
unser Zeit fest im Griff; wir wollen, wir müssen um jeden Preis
teilhaben, ein stylishes Image verkörpern, gesehen, angegruschelt,
angestupst, angeposted oder angechatted werden.
In Deutschland scheint sich Facebook erst langsam (aber längst
epidemisch) auszubreiten - in sämtlichen anderen europäischen Ländern -
hat FACEBOOK die Gesellschaft bereits tief
durchdrungen, von den großen Brüdern in Übersee ganz zu schweigen.
Doch was geschieht eigentlich mit meinen Daten?
FACEBOOK hat im Februar 2009 mit Nachdruck versucht, sich der
Rechte der bei ihm eingestellten Daten vollends zu bemächtigen. Und ist
gescheitert – interessanterweise am Druck der Masse der eigentlichen
Facebook-Fans (die Masse – sie entwickelt also doch noch Kräfte
demokratischer Willensbildung – und das ausgerechnet bei Facebook?)
Diversen Gedanken zur Datensicherheit nachhängend (gerade habe ich drei
neue Freunde bestätigt und fühle mich bereits so, als gehörte ich zu den
Gründervätern der Plattform) – fahnde ich nach Beeinträchtigungen, die
FACEBOOK seinen Mitgliedern bescheren kann. Was
ist mit schwarzen Schafen? Nutzern, die ihr Profil fälschen, mit
falschen Angaben versehen, andere Teilnehmer bewusst täuschen? Jeder
kann jeden anmailen. Dazu muss man nicht miteinander „befreundet“ sein.
Öffnet das nicht Missbrauch Tür und Tor?
Was ist mit den unbedingt schützenswerten Rechten Minderjähriger? Ab 13
darf sich jeder bei FACEBOOK anmelden – und ist
unliebsamen, unfreiwilligen Begegnungen damit zwangsläufig ausgesetzt.
Aber ist das nicht auch auf der Straße, schon in der Schule der Fall?
Was ist mit asymmetrischen Beziehungen? Kann man mit seinem Chef
Social-Web-Kontakte pflegen, können Lehrer mit Schülern „befreundet“
sein? Andersherum gefragt: Dürfen sich Lehrer dem Social-Networking
überhaupt entziehen, Eltern die rasanten Entwicklungen des Social-Web,
in dem ihre Kinder längst zuhause sind und fröhlich um die Wette surfen
– ignorieren?
Wer kontrolliert die Verunglimpfungen, das digitale Mobbing, observiert
Hassgruppen, die in allen Portalen des Social-Networking vorkommen?
FACEBOOK – ein Fluch oder Segen –
überflüssiges, virtuelles Widget oder der sichtbare Beginn einer
Kommunikationskultur, die für kommende Generationen bindend sein wird?
Mich interessiert Ihre / Eure Meinung! Vielleicht posten Sie / postest
Du mal gelegentlich an meine Pinnwand… natürlich bei
FACEBOOK.
Postscriptum 1:
Wenn man die Begriffe „George Orwell“ und „Facebook“ googelt, findet man
folgenden Eintrag:
George Orwell | Facebook
... Welcome to the official Facebook Page of George Orwell. Get
exclusive content and interact with George Orwell right from Facebook.
George Orwell *himself* ist also bereits Mitglied bei Facebook.
Dachte ich es mir doch!
1984 wird 2009 schließlich ein Vierteljahrhundert alt:
Big Brother wants You!
Postscriptum 2:
Vor einiger Zeit habe ich Freunde in Konstanz getroffen und einen
netten Enddreißiger kennengelernt, der mir erzählte, dass er vor gut
fünf Jahren von einem gewissen M. Zuckerberg aus den USA per Mail
kontaktiert
worden sei. Zuckerberg sei an der gleichnamigen Domain (www.zuckerberg.com)
interessiert - die er (der Konstanzer) sich zugelegt habe ("Zuckerberg
klingt doch einfach gut, nicht wahr?").
Na ja, und weil der junge Ami ("Student; bastelt an irgend so einem
Kontakte-Portal herum") ernsthaft an dem Deal gelegen gewesen sei, habe
er ihm die Domänen eben überlassen - für einen sehr, sehr kleinen
Betrag...
Gregor Delvaux de Fenffe. Erschienen in der Schülerzeitung "MAG" des
OHG Wiesloch, März 2009
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